Bewegen lassen

 Ich bin neu in Berlin. Ich bin frisch. Meine Gedanken sind noch nicht benetzt vom Perlenstaub der Trübsal, vom unablässigen Fluchtanreiz, anderswo sei ein besseres Hier. Prekär ist nur dieser Zustand des Entdeckens, der unberührten Territorien, der Landkarte des Flaneurs, der nie weiß, wohin er sich begibt. Vielleicht wäre ja gerade dies ein Ansatz, dem Absacken in fragile und verdrießliche Lebenssituationen vorzubauen: die Vitalität des Neubeginns und sein Begeisterungsvermögen nicht zu verlieren und - so widersprüchlich es auch scheinen mag - das Provisorische zu kultivieren, anstatt am nie realisierten Traumbild des ewig Festen und Etablierten zu leiden.
 Aber im Moment sehe ich nicht viel weiter als über den Rand meiner Nasenspitze hinweg. Gerade so. Doch was sich da auftut, ist schon ein ganzes Spektakel. Ein Kommen und Gehen, an dem ich teil habe, auf das ich nur schauen oder von dem ich mich abwenden kann. Wie auch immer, es existiert, stetig und beständig, Tag und Nacht, pulsierend, fordernd und trotzdem gleichgültig.

 Mein Blick reicht über ein gutes Stück der Seestraße, brennt sich bis weit über die Kreuzung mit der Müllerstraße hinein ins Dickicht aus Häuserzeilen und Baumbewuchs am Rand des Urnenfriedhofs. Nicht immer braucht der Stadtwanderer zu wandeln, um voran zu schreiten. Ich stehe im Fluss und lasse ziehen. Kolonnen von wütigen Radmonstern rollen vom Stadtring herein. Jeder hat seinen Grund, jeder seinen Plan. Jeder ist am Morgen irgendwann aufgewacht, hat einen, zwei, drei Schlüssel gedreht und ist dann losgefahren in seinem Vehikel. Jetzt sind sie alle hier, hasten von Ampel zu Ampel, plagen sich wie der Kot durch Därme über Teertrassen einem dringlichen Ziel entgegen. Für mich sind sie Lärm und Schmutz. Der Andere als Lärm und Schmutz.
 
 Abends dann werden sie zu bunten Smarties, ziehen Lichtschleifen nach sich, schneiden Strahlen in den Schatten. Doch unter dem Blechgrau des Nachmittagshimmels macht nur die Bewegung der Formen den Unterschied zu den inerten Massen der Fassaden und Bäume, der geparkten Wagen und des urbanen Mobiliars. Dass dieses Mobiliar von Bewegung selbst, wie sein Name es sagt, nichts kennt, ist nur einer der Widersprüche im Stadtleben, und bestimmt nicht der heftigste.
 
 Aus dem Radio strömt der Soundtrack, unter dem ich das Ziehen unten bitte betrachten möge, zumindest so lange ich den Abschaltknopf nicht drehe. Justizreform für juvenile Delinquenz, xte Staatskrise in Italien, neuestes Kapitel im Katalog der endgültigen Friedenslösung im Nahen Osten - bei den folgenden Nachrichten bereits veraltet - und sonstiges Gesabbere zur Weltlage; seichte Wellness-Klänge aus der Klassik-Frequenz für gebeutelte Mittelständler; erbauliches Hirnfutter der Kultursender, die anbiedernd geistlos strahlen; sonst nur Nostalgikergeplärre in der Endlosschleife für Mittdreißiger, das wie eine Landlawine des tiefsten Kentucky übers einstige Land der Dichter und Denker wirkt. Und zur Krönung das Hauptstadtgeplappere, das an allen Ecken und Enden der Sendungsgeografie den Stolz auf die noch immer neue Stellung in der Wiederholung der Worte allein zu beschwören scheint. Zum Glück gibt's da ganz einzigartig über FM den Zugriff auf RFI und BBC, doch auch die sind nur andere Realitäten, breiter atmende Horizonte zwar, doch unbrauchbar fürs Jetzt und Hier.
 In der Radiolandschaft der Stadt lässt sich für mich nichts wiederfinden, was zeugen könnte von der Lebendigkeit und dem Reichtum da draußen. Da ist das eigene Schauen gefragt, das Horchen und Schnuppern, das Herantasten und Versuchen. Sinnlichkeit eben. 

 Das Wetter klärt auf. Über dem Dächerrand schiebt sich schemenhaft die Kontur des Fernsehturms ins Bild. Lange war mir diese Silhouette der Leuchtturm meiner Wünsche, meines Verlangens nach Berlin! Seine Strahlkraft als Gebilde ist stärker als sein Sendebewusstsein. Er ist eines der elegantesten Gebäude der Stadt, das eleganteste des Solzialismus schlechthin. Wie der Eiffelturm im Französischen als la Tour Eiffel weiblich ist und so als Eiserne Dame die alternde Stadt beäugt, drängt sich der Fernehturm als schützender Alexander in die Höhe, um von dort dem Treiben in eine neue Zukunft zu leuchten. Maskuline Eleganz, offen sichtbar, aber fast versteckt, unbewusst. Erwachsen, doch nicht ganz der kindlichen Unschuld entledigt, ein Peter Pan, der sein Hemd gesprengt und Falten ins Gesicht gebeten hat, ohne zu wissen, was er tut. Sein Betonbein trägt den silbrigen Kugelbauch, der im Flimmern und Funkeln auf die Wahrsagerin wartet. Vom Himmel hoch, da komm ich her
Sein rot-weißer Mast ist fast ein Absperrband in die Höhe, eine Warnung, ihm nicht zu nahe zu kommen.

 Das Heranzoomen der Straßenbahn verlangt meine Aufmerksamkeit. Noch zwei Haltestellen, dann geht's in die Retourschleife zwischen Virchow-Areal und Westhafen. Namen haben die grandiose, doch gleichfalls ermüdende Eigenschaft, auch auf etwas anderes als sich selbst  zu verweisen. Und sogleich begibt man sich auf die Reise, in ferne Länder und Kontinente, auf Fährten der Geschichte oder ins vergangene Leben solcher Menschen, die  durch ihre Taten oder Seinsweise den nachfolgenden Generationen würdig oder wichtig genug erschienen, um Institutionen, Monumente, Straßen oder andere Mobilitätsarterien nach ihnen zu benennen.
 
 Gut, das, worüber ich jetzt schreibe, kann ich nicht mehr sehen von dort aus, wo ich sitze. Das Flanieren jedoch wird von den Sinnen getragen und die Sinne müssen den Geist beflügeln, damit es zum wahrhaftigen Wandeln kommen kann. Die Straßenbahn ist Schuld daran, dass ich abdrifte und nicht mehr nur benenne, was sich vor meinen Augen auftut. Aber so geht das mit den Mitteln der Beweglichkeit, die stets freie Verknüpfungen schaffen, doch nie so schnell wie Bewusstseinsströme im Hirn sich durch eine Stadt züngeln.
 
 Wenn also die gelbe Bahn sich bei mir um die Ecke rund macht, um gleich darauf wieder in die andere Richtung – bis zur Warschauer Straße – zu fahren, dann öffnet sich hier ein ganzes Buch deutscher Geschichte, die, ob ich's nun will oder nicht, immer mitschwingt beim bewussten Blick auf das, was eigentlich nur an mir vorüberzieht. Virchow-Klinikum, Hohenzollern-Kanal, Plötzensee und Goethe-Park, Sylter Straße und Togo- und Kameruner Straße weiter oben. Da sind forschende Widersacher und Widerständler in Wissenschaft, Kunst und Politik, im Leben schlechthin, Regierende von Gottes Gnaden und Hochglanz-Feiernde, Kolonisierte und zwingend Abgetretene… Unser Platz an der Sonne heißt Deutschland…

 Die Realitäten auf der Straße aber sind noch übergreifender geworden, als dass sie es erlaubten, sich nicht im alleinigen Zentrum des Geschehens glauben zu können. Zentren sind mobil, denn Menschen sind mobil. Die Lektüre der Welt geschieht immer von dem Ort aus, an dem ich mich befinde, sei es geografisch oder in meinen Referenzen. So kann ich, als sitzender Flaneur, den Blick auf das Geschehen gleiten, und dann die Gedanken, die dies provoziert, abgleiten lassen in die Kanäle der Verknüpfungen von Historie und Gegenwart, von Tradiertem und von dem, was da erst am Werden und daher so schwer zu ergreifen ist.
 Was also wird?
 Es wird in jedem Falle mehr, oder anders, als das, wovon aufreißerische Titelblätter an Zeitungsständen die Straße auf und ab berichten. Realität und ihre Relevanz sind direkter und stärker als ephemärer Informationsfluss.
 Was macht die Besonderheit Berlins aus, was die Besonderheit dieses Viertels, dieser Straße? Was, wenn nicht meine eigene Präsenz, wie die Präsenz eines jeden, der hier lebt. Also das Potential der Begegnung. Alles ist selbstbezogen, sonst existiert nichts.

 Die Backsteinstrenge der gegenüberliegenden Kapernaum-Kirche zuckert etwas Rot gegen die Wolkendecke. Das Durcheinander der Welt, des kleinen Weltausschnitts, der mein Fenster mir ist, liegt vielleicht in größerer Wirre als der biblische Ort. Doch hat dies scheinbar Inkohärente, Entfremdete, die Logik der Bewegung, des stetig Werdenden. Das graue Zottelhaar des Hundes, der zwischen den Schienen gegen Grashalme pinkelt,  reibt sich am Boden wie sein Herrchen an der Rentenreform, und beides gehört zum immer wiederkehrenden Neubeginn der unsagbar kleinen Gemütsbewegungen, die als Strahl das Bewusstsein eines langen Tages begleiten. Kinderwagen mit unsichtbaren Kindern werden von rechts nach links, vom Gehsteig zum Zebrastreifen geschoben. Blicke und Körper ziehen vorüber an Dart-Kneipen, in denen zur Mittagsstunde nur der Tod erwartet wird; an den blau gestreiften Hammerschlägen einer Franchise-Drogerie, in der es auch Schokolade zu kaufen gibt; am winterfesten Bräunungsstudio für Daheimgebliebene...
 Auf der Höhe des Fahrradladens quirlt die Bewegung auf, um gleich wieder abzuklingen vor den Schaufenstern des Ledercenters: hier gibt's alles, was die Tierhaut hergibt. Und wenn den sprösslingpromenierenden Menschen der Hunger packt, dann hat er die Wahl auf hundert Metern zwischen Viet und Thai, Chinesisch und Indisch, Italienisch und Türkisch, oder einer Currywurst am Straßenbahnrand und einem Blumenbund vom Florahäuschen. Den Appetit wird er damit nicht beruhigen können, aber man nährt sich ja nicht nur über den Magen.
 Doch bin ich schon wieder entgleist und schaue weiter, als ich sehen kann.  Auch die Apotheken und das Ärztehaus, den holländischen Textilmarkt und die europaweite Autovermietung kann ich nur erinnern, geschweige denn  die Auslagen des orthopädischen Fachgeschäftes sehen, oder die Filmwerbung des Blockbuster-Kinos (ich frage mich dauernd, wann es dort einmal etwas geben wird, was ich sehen will). Doch den notorischen Leerstand der Erdgeschossflächen, der so bezeichnend für viele Berliner Straßenzüge ist, den kann ich mehrfach von hier oben ausmachen. Die Fülle jedoch ist es, die so begeistert. Das Zugehen aufeinander, das Aneinandervorbeigehen, das Wiedersehen, all dieses Streichen und Streifen von Lebensgeschichten, jetzt und hier, vormals und künftig. Ich habe nichts gesagt über niemanden, bin nicht eingestiegen in eine von vielen Reisekapseln, die hier wie Staubpartikel umherwirbeln. Nur am Logenplatz zur Stadt sitzend habe ich ein Inventar erstellt. Aber inventieren ist erfinden. Da ist jeder für seinen Tag verantwortlich. Ich muss jetzt runter auf die Straße.

(2007)

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