Sommerbucht

Ihr kleiner Sandstrand glich nun wirklich keiner Schweinebucht. Die Wasserqualität vielleicht, und die stechenden Urinfahnen, die aus dem Unterholz seitlich heranwehten. Aber sonst? Keine Tropen, keine dunkle Haut, nichts von patria o muerte. Den Grunewald im Rücken, das andere Ufer am Horizont, Gatow irgendwo. Noch bevor die Sonne am Zenith stand, hatte sie die Kufen des hellblauen Fledermaussessels in den Märkischen Sand gerammt. Da hockte sie nun. Hockte da ohne Absichten. Einfach nur da. Auf dem Kopf spürte sie noch immer den leichten Druck des wattierten Schlapperhutes, so ein Ding, das mit grobem weißen Faden gesteppt ist, auf pinkem Piqué, durchsetzt von kleinen Karos, bis hinaus zur weichen Krempe und auch um den Gummizug herum. So ein Ding aus dem Euro-Laden, schick genug für den Sommer, haltbar eine Saison. Sie trug die Bikinihose vom Kretaurlaub, so bleich, würde sie nicht drauf schauen, wüsste sie die Farbe nicht zu deuten. Das Top hing über die Lehne. Es gar nicht erst umbinden... hier draußen... Zu ihren Füßen hatte sie die beiden Taschen in den eigenen Schatten verfrachtet, das Wasser und die Lachsbrötchen... Sie konnte einfach nicht aus dem Haus ohne die Lachsbrötchen. Meerrettich und ein paar Tropfen Zitrone. Ein Stengel Dill. Und Diekmeyers Kornbeißer. Jeden Tag. Am Strand, im Büro, überall. Auch auf der Insel, damals, als sie das einzige Mal eine Fernreise gemacht hatten. Auch dort. Lachsbrötchen. Lachsbrötchen am Frühstücksbüffet, jeden Morgen, jeden Mittag am Pool. Ein bisschen Sehnsucht, ein bisschen Freude. Sie gönnte sich was.

Die Thermotasche hielt gut dicht. Und die Träger waren mit den Lederriemen des Badebeutels fest um das Sesselgestell verzurrt. Trotz allem... hier draußen... Ihr Blick hinter der dichten Brille glitt übers Wasser. Der Weltempfänger, flach auf der anderen Armlehne, gab an den Himmel zurück, was er von ihm bekam. Die Lautstärke war leise schwach. Sie verstand nichts, hörte einfach Stimmen. Durch das Wasser wateten junge Leute, Kinder waren kaum da. Außer den drei Jungs aus der Nachbarbucht, die vom See aus herschielten zwischen ihren Ballschlachten. Heute war es heiß und schon sechsmal hatte sie sich abgekühlt. Die Perlen auf der Haut trockneten schnell. Von der Mitte des Gewässers tuckerte ein bekanntes Geräusch heran. Der schwimmende Kiosk versorgte das ganze Ufer, Bucht um Bucht, mit Eis und Fritten und Currywurst. Die Älteren stürmten noch schneller los als die Jungen. Wie gut, sie brauchte sich nicht zu bewegen. Die Lachsbrötchen! Sie hatte ja alles da.

Kaum eine Stunde später erhob sie sich und merkte kurz das Spannen über den Schultern. Sie würde mehr Creme auftragen. Mit einer halben Drehung fummelten ihre Knie nun an der wabbeligen Stoffkante des Sessels. Sie bückte sich, um den Sessel aus dem Sand zu befreien und einen Ruck weiter zu platzieren. Der Kiefernstamm warf einen harten Schatten, aus dem sie sich jetzt befreite. Dabei krümmten sich ihre Wirbel. Die Brüste küssten die Rückenlehne. Sie sah noch, wie der Ellbogen des jungen Mannes dort hinten in die Flanke des anderen zuckte, dann sah sie zwei Grinsen. Sie drehte sich zurück, ließ sich aufs Blau fallen und grub die Füße in den Sand. Das Boot war weitergezogen, das Radio wurde immer schwächer, die Kinder grölten. Nichts anderes geschah. Es geschah gar nichts. Es war nur Sommer.  

 

(2014)

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